Frank Hendrik Hortz – persönlicher Blog
  • HOME
  • BLOG

Wenn die Falschen ins Visir geraten

30/10/2024

0 Kommentare

 
Es gibt Geschichten, die sich nicht dadurch auszeichnen, dass sie komplex wären, sondern dadurch, dass manche Akteure sie komplex erscheinen lassen wollen. Der Missbrauchsfall im TTC Hamburg, über den ich in Ursache\Wirkung berichtet habe, gehört zu diesen Geschichten. Die Fakten sind klar; die Stimmen der Betroffenen deutlich; die Chronologie gut dokumentiert. Und doch ist das, was sich nun anschließt, mindestens ebenso aufschlussreich wie der Missbrauch selbst: die Reaktion der Deutschen Buddhistischen Union (DBU).

Im TTC Hamburg kam es zu einem Missbrauchsfall durch einen buddhistischen Lehrer. Ein Fall, wie er sich leider zu oft im religiösen Kontext wiederholt. Die Betroffene wandte sich an die damals zuständige Missbrauchsbeauftragte der DBU, Dorothea Nett. Was sie dort vorfand, war jedoch nicht die erwartete professionelle, unabhängige und parteiliche Unterstützung für ein Opfer sexueller Grenzüberschreitung, sondern eine Abfolge struktureller Versäumnisse: mangelnde Sensibilität, unklare Rollentrennungen, fehlende Distanz und eine offensichtlich unzureichende Aufarbeitung.

Der Artikel „Der Lama muss weg“ dokumentiert diese Vorgänge ausführlich und mit zahlreichen Quellen. Er ist ein investigativer Blick auf ein Milieu, das viel über Mitgefühl spricht, aber oft erstaunlich wenig davon praktiziert.

Am 2. November veröffentlichte der Vorstand der DBU zu diesem investigativen Artikel eine Stellungnahme, die nach außen wirkt, als spräche der gesamte Verband. Tatsächlich jedoch stammt sie allein vom dreiköpfigen Vorstand, Anna Karolina Brychcy, Jinpa Chodron und Claus Herboth, ohne vorherige Einbindung des DBU-Rats.

Darin heißt es unter anderem: „Der Autor des Artikels [also ich] habe die „Kompetenzen und die Qualität der Arbeit unserer Vertrauenspersonen stark abgewertet“, ohne dies „durch eine gründliche Recherche und sichere Fakten“ zu untermauern. Der Artikel trage der „Komplexität des Geschehens“ nicht Rechnung. Mit anderen Worten: Nicht der Missbrauch selbst, nicht das Versagen der Zuständigen, nicht die fragwürdige Nähe zwischen Beauftragten und Zentrum stehen im Fokus, sondern derjenige, der das Versagen öffentlich macht.

Wer sich lange genug mit Institutionen beschäftigt, die Macht über Menschen ausüben, erkennt dieses Muster: Der Überbringer schlechter Nachrichten wird problematisiert, nicht die Nachricht selbst. Was die DBU als Verteidigung ihrer Vertrauenspersonen ausgibt, ist in Wahrheit eine Diskreditierungsstrategie, die unterm Strich vor allem eines bewirken soll: Sie lenkt vom Missbrauch ab.

Die Redaktion von Ursache\Wirkung hat auf die Stellungnahme der DBU reagiert und die inhaltlichen Verzerrungen in einer eigenen Stellungnahme benannt. Einige zentrale Punkte: Der Plural „unsere Vertrauenspersonen“ ist unzutreffend: Kritisiert wurde ausschließlich das Verhalten einer Person, Dorothea Nett. Der Artikel basiert auf akribischer Recherche, zahlreichen Zeugenaussagen und wird zudem von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) gestützt. Die Stellungnahme des DBU-Vorstands enthält selbst keine überprüfbaren Fakten, sondern Unterstellungen. Sie wurde ohne Mandat des DBU-Rats veröffentlicht.

Statt also Verantwortung gegenüber einem Missbrauchsfall in einer Mitgliedsgemeinschaft zu übernehmen, entscheidet sich der DBU-Vorstand für eine Handlungsweise, die uns aus der Kirchenlandschaft nur allzu vertraut ist: Schutz der Institution vor Aufklärung. Missbrauchsfälle verlangen Mitgefühl für die Opfer und sie verlangen Konsequenz, Verantwortungsübernahme, strukturelle Klarheit. Sie verlangen eine Kultur, in der Aufklärung wichtiger ist als Gesichtsverlust.

Dass die DBU im Jahr 2024 eine Stellungnahme veröffentlicht, die nicht die Betroffene schützt, nicht den Missbrauch konsequent beleuchtet, sondern stattdessen versucht, investigativen Journalismus in Zweifel zu ziehen, ist mehr als irritierend. Es ist ein Schlag ins Gesicht aller, die im Buddhismus einen geschützten Raum suchen.

Empörung ist in solchen Momenten kein unspirituelles Gefühl. Sie ist ein Kompass. Ein Hinweis darauf, dass etwas grundlegend schief läuft: Wenn buddhistische Institutionen den Mut verlieren, den Blick auf das Leid zu richten, dann verliert der Buddhismus seine moralische Glaubwürdigkeit.


UPDATE 03/2025: Zwischenzeitlich hat die DBU auf massiven Druck und nach Ratsbeschluss ihre Stellungnahme gelöscht. Dies hat allerdings einige Monate gedauert. Ich habe deshalb eine Kopie der DBU-Stellungnahme oben verlinkt, weil das Original im Netz nicht mehr zur Verfügung steht.
0 Kommentare

    Archiv

    Oktober 2025
    September 2025
    Juni 2025
    Januar 2025
    Oktober 2024
    April 2021
    März 2020
    Dezember 2019
    September 2019
    Juni 2019
    Mai 2019
    April 2019
    März 2019
    Februar 2019
    Dezember 2018
    November 2018
    Oktober 2018
    August 2018
    Juli 2018
    Juni 2018
    Mai 2018
    April 2018

    RSS Feed

"Es gibt nur eine falsche Sicht: Der Glaube, meine Sicht ist die einzig richtige."
Nagarjuna

IMPRESSUM
  • HOME
  • BLOG